D-7052 – Back to the roots –

Oder, wie alles begann ..

Lange im Voraus geplant, am ersten Septemberwochenende war es endlich so weit. Michael Schnug hatte ein Abenteuer der besonderen Art für die Segelflugsparte unseres Vereins arrangiert und organisiert.

Mit 17 Vereinsmitgliedern sowie vier unserer Freunde aus Agathazell war eine schlagkräftige oder besser ausgedrückt zugkräftige Mannschaft angetreten, die spannende Reise zu den Anfängen des Segelflugsports zu unternehmen.

Hanggleiten mit einem Schulgleiter SG-38. Kurz angemerkt, die Bezeichnung SG-38 ist nicht mit Schulgleiter Baujahr 1938 zu definieren, es ist die Abkürzung für “Schneider Grunau”, was dem Konstrukteur Edmund Schneider und der Stadt Grunau (heute Jezow Sudecki in Polen) gerecht wird. Dieses Fluggerät wurde 1936 überwiegend für Schulzwecke konzipiert und eingesetzt. Laut Wikipedia sind ab 1938 mindestens 8.750 Gleiter industriell gebaut worden. Die Anzahl der in Segelflugschulen entstandenen SG-38 ist unbekannt.

Auf der Wasserkuppe angekommen machten wir alle erst einmal lange Gesichter. Petrus hatte uns Regen beschert und die Aussichten für den weiteren Tagesverlauf waren auch nicht so besonders.
Wir wurden überaus freundlich von Ulrich Stengele, dem 1. Vorsitzenden des Röhnflug Oldtimer Segelvereins Wasserkuppe kurz OSC nebst Ehefrau und Segelfluglehrer Georg Kapraun begrüßt und legten gleich mit dem Einschreiben und Briefing des SG-38 los.
Das übliche, Kontrolle der Lizenzen, Medical und Flughandbücher. Thomas Pöperny, Miklas Dänzer und ich waren die einzigen Flugschüler und legten unsere von Dirk, als Leiter der Segelflugabteilung unterschriebene „Freiflugberechtigung” vor.
Gummiseilstart mit einer SG38

Gummiseilstart mit einer SG38

Dennoch wurde Brauni nochmals gefragt, ob Miklas und ich denn schon so weit wären und den Oldtimer auch seiner Meinung nach heile runterbringen werden. An dieser Stelle möchten wir uns gerne für das Vertrauen der beiden bedanken.
Michael hatte die erforderlichen Dokumente bereits im Vorwege zur Verfügung gestellt und somit ging die gesamte Prozedur schnell und reibungslos vonstatten

Danach inspizierten wird das Fluggerät. Eigenschaften, Besonderheiten, was ist zu tun und was ist unbedingt zu unterlassen. Die Vorgaben waren einfach und wurden bei Nicht-Einhalten derselben gleich mit einer “Einheit“ (1 Kasten Bier) geahndet. Wenn die Querruder nicht auf der Seite hochgestellt wurden, auf der die Fläche abgelegt war, eine “Einheit”, oder Absteigen, bevor das Rückholteam eintrifft, eine “Einheit”, ebenso Landen außerhalb der vereinbarten Landefläche eine weitere „Einheit“. So war es gut und gerne möglich, bei einem Flug drei Kästen für die Allgemeinheit oder das Werkstattteam spenden zu dürfen.

Nach dem wir uns mit dem Fluggerät etwas vertraut gemacht hatten und es immer noch regnete, lud uns Ulrich, dessen Frau Claudia die Archivarin des Segelflugmuseums ist, zu einer persönlichen Führung in das Selbige ein. Es war definitiv keine langweilige Tour, die man halt macht, um Zeit totzuschlagen, weil das Wetter schlecht ist. Es war vielmehr eine Zeitreise in die Geschichte des Segelfliegens. Angefangen von Otto Lilienthals Gleiter über Grunau Baby, K6, erste Schleicher Modelle bis hin zur LS1 von Rollladen Schneider aus dem Jahre 1967. Jedes der gezeigten Exponate hat seine eigene Geschichte und diese wurde kurzweilig und recht spannend erzählt. Mit 4.000 m² Grundfläche ist es weltweit das größte Museum dieser Art.
Ein segelfluginteressierter Besucher kann hier sicher einen Tag verbringen, ohne dass Langeweile aufkommt. Alle Flieger sind mit sehr viel Liebe zum Detail restauriert oder komplett nachgebaut worden und fast alle waren auch tatsächlich in der Luft.

Nach dem Mittagessen hatte Petrus ein Einsehen. Der Himmel klarte auf und es konnte endlich losgehen. Also allesamt zum Hangar – Flieger raus, Trecker und Anhänger mit den erforderlichen Utensilien flottmachen und los ging es. Am Flughang angekommen wurde der Gleiter positioniert, das Gummiseil ausgerollt, -dazu später näheres- und die Startaufstellung festgelegt. Diese erfolgte nicht nach Alter oder Flugerfahrung sondern nach Gewicht. Der Hintergrund dafür ist, dass die Trimmung des SG-38 mit auswechselbaren Gewichten vorgenommen wird. Damit diese nicht permanent gewechselt werden müssen, sollte es der Reihe nach gehen. So standen wir alle in Linie und ein jeder offenbarte sein Leistungsgewicht. Von Fliegengewicht bis Superschwer, von erforderlichen Zusatzgewichten auf dem Sitz, um kopflastiger zu werden, bis “alles hinten dran was da ist”, um die stärkere Sinkrate bestmöglich zu optimieren.
Dann wurde es ernst: von der Theorie im Briefing auf zur Praxis am Hang. Rechte Seilmannschaft, linke Seilmannschaft, den so bezeichneten “Gummihunden” wurde der rechte Weg gewiesen, die Haltemannschaft instruiert und die einfachen Kommandos noch einmal klargemacht. Nach den letzten persönlichen Angaben des Segelfluglehrers zu Ruderstellung, Verhalten während des Fluges, bei und nach der Landung folgten die Kommandos “Haltemannschaft fertig? Seil ausziehen“, nach ein paar Metern dann “Laufen”. Die Gummihunde liefen, was die Puste hergab. Bei Erreichen einer festgelegten Ausziehposition erfolgte das Kommando “Loslassen” und der SG-38 schnellte in die Höhe.

Als Erstes der Kontrollstart von unserem Segelfluglehrer. Sah doch einfach aus. Ich glaube allerdings, dass alle außer Michael, der dieses Abenteuer bereits im letzten Jahr bestritten hatte, ob Testpilot, 747-Airliner, Husky Bezwinger, Segelfluglehrer, erfahrende Streckenflieger oder Segelflugschüler in der so ziemlich gleichen Erwartungshaltung waren. Oder kann ich sagen, warteten mit gleichem Respekt? Egal wer zum erstem Mal auf dem Holzsitz Platz nahm und sich sehr gut mit dem Vierpunktgurt anschnallte, hatte ungefähr den gleichen Gesichtsausdruck, von ” was erwartet mich und wird schon gut gehen”.
Und so war es auch! Ein Start erfolgte nach dem anderen. Jeder, der den Berg, im Schlepp des Treckers, die Fläche des SG-38 haltend wieder hoch kam, hatte das gleiche breite und überaus zufriedene Schmunzeln im Gesicht. Für mich als Flugschüler galt: ich habe es geschafft, ich habe ihn bezwungen und nicht kaputt gemacht.
Es ist wirklich etwas ganz Besonderes! Kein Cockpit, keine Instrumente, keine Haube, kein Fallschirm, kein Funk, sondern nur Natur pur um einen herum. Die Spannung ist groß auf dem Holzsitz und sie steigt proportional nach den ersten Kommandos. Wenn dann ertönt “loslassen” und der SG-38 sich recht zügig in die Lüfte erhebt, ist es wie Schweben. Der direkt wirkende Fahrtwind, die unter einem dahingleitende Wiese und die leider viel zu schnelle Landung auf der Kufe machen den Flug zu einem einmaligen Erlebnis.

Ach ja, die Flugzeiten bringen uns im OLC Vereinswettbewerb nicht wirklich weiter. Diese schwankten zwischen zwölf und der Tagesbestleistung von 28 Sekunden. Die Tagesbestleistungen am Samstag sowie auch am Sonntag jeweils 28 Sekunden, wurden
von Flo erfolgen. Egal ob 18, 20, 24 oder mehr, jeder Flug war für jeden Teilnehmer ausnahmslos ein schönes Erlebnis.

Es war eine gute Lösung, das Abendessen etwas zu verschieben. Obwohl der Reigen wetterbedingt recht spät angefangen hatte, kam jeder bereits am Samstag zu dem Vergnügen, einmal geflogen zu sein. Dem Appetit war es auch noch förderlich und das von Michael ausgesuchte Restaurant war flexibel. Die drückten Andi Kowohl einfach die Speisekarte in Hand und meinten, “sucht schon mal aus, dann geht es nachher schneller und der Koch kann vieles schon vorbereiten“. Nach dem letzten Flug wurde das Gummiseil wieder eingerollt.

Nach einer für manchen Fliegerkameraden kürzeren Nacht ging es am Sonntagmorgen, gleich um 9 Uhr wieder los. Gleiches Prozedere wie am Vortage. Als „Schorsch“ der Fluglehrer, heute im feinsten Flugdress der 30er Jahre, vom Pflichtwetterbriefing der Wasserkuppen Luftsportvereine zum Hangar kam, war alles schon Abmarsch bereit.
Dass es diesmal, eigentlich der Fairness halber, in anderer Reihenfolge losging, zuerst die Schwergewichtigen, war auch für die “Gummihunde” eine Erleichterung. Am Morgen waren die Kräfte noch stärker ausgeprägt vorhanden. Die Schlagzahl des Vortages wurde mal eben auf sechs Starts pro Stunde angehoben. Wenn man bedenkt, dass der Flug lediglich eine halbe Minute dauert, sind die Vorbereitungen und Rückholungen die großen Zeitfresser. Diese wurden kurzerhand optimiert. War der SG-38 gerade in der Luft, startete bereits der Trecker zum Rückholen. Nachteil hierbei war, dass die Gummihund-Regenerierungszeit auch verkürzt wurde. Das machte sich gegen Mittag bemerkbar. Obwohl wir es dann etwas langsamer haben gehen lassen, sind bei dieser Veranstaltung alle Teilnehmer drei Mal geflogen. Die Motivation und die Disziplin waren sehr groß und der riesige Spaß war uns anzumerken. Das wurde während des Debriefings von Ulrich noch einmal besonders erwähnt. Jeder bekam seine Urkunde, nebst abgestempeltem Formblatt mit zum Eintragen der Startart “Gummiseil” in die Lizenz. Einige malten sich aus wie es wohl sein könnte, wenn am Montagmorgen vierzehn Schwabacher am Schreibtisch des Verantwortlichen bei Luftamt Nordbayern
stehen würden, um die Eintragung amtlich zu machen.

Es war eine rundum gelungene Veranstaltung. Die Location, das SG-38 Fliegen, die Kameradschaft untereinander und mit den Agathazellern. Alles hat so gut gepasst, dass Ulrich meinte, ” wenn Ihr Euch nicht für nächstes Jahr von allein wieder anmeldet, müssen wir uns überlegen, wie wir Euch zwingen können. Uns hat es ebenfalls sehr viel Spaß gemacht. Braucht er nicht! Michael hat uns bereits wieder für das erste September Wochenende vorgemerkt.

Apropos Gummiseil, um die Lebensdauer des teuren Zugseils bestmöglich zu erhöhen, sind die Prozedere für die Handhabungen taff strukturiert: nicht über den Boden schleifen, sondern tragen; dass Ab- und Aufrollen vor und nach dem Flug Event geht so vonstatten: zwei Teilnehmer stehen Rücken an Rücken, und zwei Weitere legen Ihnen das Gummiseil in die ausgestreckten  Arme. Dabei drehen sich die zwei, Drehwurm und lange Arme inbegriffen.

Ich möchte noch gerne zwei Punkte erwähnen, zum einen, wir haben so rund 75 Flüge gemacht und Manuela war die treueste Gummihündin. Sie hat nur ein einziges Mal nicht in der Startaufstellung gestanden und zum Zweiten, danke Michael für die tolle Idee und gute Organisation.

Euer Fliegerkamerad
Juwe